Imagination als heilsame Kraft

(von Reddemann Luise und Dehner-Rau Cornelia)

Diese Geschichte dient dazu, Belastendes in ein größeres Ganzes einzuordnen und das "innere Kind" anzusprechen.

Die Geschichte von dem Jungen, der immer wütend wurde

Es war einmal eine Seele. Seelen leben im Seelenland. Da ist es wunderschön. So schön, dass wir es uns fast nicht vorstellen können. Es gibt keinen Kummer, keine Sorgen, keinen Schmerz. Seelen ärgern sich nie und das Wichtigste, sie haben nie Angst. Manche Seelen finden das aber auf die Dauer ein bisschen langweilig, und dann nehmen sie sich vor, dass sie jetzt auf die Erde gehen und ein Mensch werden. Dann können sie alles erleben, was man eben nur als Mensch erleben kann. Schöne Gefühle, aber auch schmerzliche. Und stell dir vor, dass findet eine Seele spannend. Diese Seele liebte besonders ein abenteuerliches Leben. Sie wollte als Junge auf die Welt kommen, und sie dachte sich, dass sie etwas ganz besonderes erleben wollte. Im Seelenrat wurde beschlossen, dass sie einmal ausprobieren sollte, wie es ist, wenn man als ganz kleines Baby krank ist und operiert werden muss. Die Seele war sehr neugierig auf diese Erfahrung und hatte überhaupt keine Angst davor, weil man im Seelenland eben keine Angst hat. Sie sucht erst einmal lange nach den passenden Eltern für das kommende Leben. Schließlich fand sie zwei wunderbare Menschen, die ihr als zukünftige Eltern gefielen.

Die Seele ging zu einem Menschenkind

Eines Tages, als die Frau und der Mann sich lieb hatten und daraus ein Kind entstand, machte sich die Seele auf den Weg und ging ganz nahe zu diesem noch ganz winzigen Menschenkindchen. Nach einer Weile wurde die Seele dann eins mit diesem Kind. Und nach neun Monaten wurde der kleine Junge geboren. Seine Eltern, seine Großeltern, seine Tanten und Onkel und viele andere freuten sich sehr über den kleinen Jungen, der da auf die Welt gekommen war. Bald stellten die Ärzte fest, dass der kleine Junge nicht ganz gesund war, und dass er operiert werden musste. Die Eltern des kleinen Jungen erschraken sehr und hatten Angst um ihren kleinen Jungen. Sie hätten alles getan, wenn es ihnen möglich gewesen wäre, diese Operation zu verhindern. Das konnten sie aber nicht. Und, wie wir wissen, wäre das auch gar nicht gut gewesen, weil ja die Seele des kleinen Babys diese Erfahrung machen wollte. Die Seele, die ja nun in dem kleinen Baby war, beobachtete alles mit großer Neugier. Sie hatte keine Angst und sie war schon sehr gespannt auf die Operation. Bald ging die Mutter mit dem winzigen Baby ins Krankenhaus und das Baby wurde operiert. Da konnte die Seele jetzt allerhand beobachten und erleben, was sie zuvor noch nie erlebt hatte. Sie staunte, wie gut eine junge Ärztin eine Narkose machte. Stell dir vor, wie schwer es ist, in die winzigen Venen von einem Baby eine Spritze mit einem Beruhigungsmittel zu machen. Dann sah die Seele, wie eine ganze Gruppe von Ärzten das Baby operierten. Und wieder staunte sie, wie geschickt sie waren, diesen winzigen Körper zu operieren. Aber als das Baby nach der Operation wieder wach wurde, hatte es sehr große Schmerzen im Körper. Der Bauch tat ihm nach der Operation fürchterlich weh und, wie es so ist mit kleinen Babys, es konnte ja gar nichts machen. Es konnte nur schreien. Die Mutter und der Vater des kleinen Jungen taten, was sie konnten, aber die Schmerzen und die Angst konnten sie nicht ganz wegnehmen und beruhigen. Manchmal versuchte die Seele selbst, den Kleinen zu beruhigen, aber auch das half nicht immer. Und, weil die Seele ja so gespannt war auf die Erfahrungen als Mensch, machte es ihr ja auch nichts aus. Der kleine Junge aber wusste nicht, dass seine Seele es so wollte. Deshalb dachte er, dass die Eltern vielleicht nicht gut genug auf ihn aufpassten und darüber war er traurig und wütend, und er hatte oft auch Angst.

Der Junge litt auch nach der Operation weiter

Endlich war der Krankenhausaufenthalt vorbei und so nach und nach erholte sich der kleine Junge von der Operation und von seinen Schmerzen. Aber der kleine Junge konnte es von da an schlecht vertragen, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte und vor allem, wenn er dachte, er könne gar nichts machen. Er vergaß zwar, dass das etwas mit dem Krankenhaus zu tun hat, weil Menschen meist vergessen, was sie als Babys erlebt hatten, aber tief drinnen in ihm blieb die Erinnerung doch. Deshalb wurde er sehr wütend und tobte, wenn er dachte, dass er nicht gerecht behandelt wurde, und er wusste sich dann gar nicht zu helfen. Er spürte auch eine Angst, aber darüber konnte er nicht sprechen. Seine Seele sah das alles und machte ihre Erfahrungen, die sie ja hatte machen wollen. Aber nach und nach hatte sie das Gefühl, dass der Junge wirklich zu oft unglücklich war. Deshalb beschloss sie, ihm einen Traum zu schicken, damit er Hilfe bekam.

Der Traum des Jungen

Da sah sich der kleine Junge auf einer wunderschönen Wiese mit vielen bunten Blumen und mittendrin war eine liebe alte Frau mit lachenden Augen und vielen Runzeln im Gesicht. Die sagte zu dem Jungen: Ich weiß, du kannst es gar nicht leiden, wenn du ungerecht behandelt wirst. Aber nun bist du ja schon groß und deshalb verrate ich dir ein Geheimnis. Und dann erzählte sie ihm die Geschichte, die ich dir erzählt habe. Es war einmal eine Seele. Seelen leben im Seelenland. Da ist es wunderschön. So schön, dass wir es uns fast nicht vorstellen können. Es gibt keinen Kummer, keine Sorgen, keinen Schmerz. Man ärgert sich nie und das Wichtigste, man hat nie Angst. Manche Seelen finden das aber auf die Dauer ein bisschen langweilig, und dann nehmen sie sich vor, dass sie jetzt auf die Erde gehen und ein Mensch werden. Dann können sie alles erleben, was man eben nur als Mensch erleben kann. Schöne Gefühle, aber auch schmerzliche. Und stell dir vor, das findet eine Seele spannend. Diese Seele liebte besonders ein abenteuerliches Leben. Sie wollte als Junge auf die Welt kommen, und sie dachte sich, dass sie etwas ganz Besonderes erleben wollte. Im Seelenrat wurde beschlossen, dass sie einmal ausprobieren sollte, wie es ist, wenn man als ganz kleines Baby krank ist und operiert werden muss. Dann sagte die alte Frau, schau, das Baby das du einmal gewesen bist und das so viele Schmerzen hat, das möchte von dir erlöst werden. Du musst in das Tränenland gehen und es retten.

Wo ist das Tränenland, fragte der Junge?

Da kam ein Fuchs und sagte zu dem Jungen, ich zeig es dir. Lass uns uns auf den Weg machen.

Und die beiden gingen los.

Bald war die Landschaft nicht mehr so schön. Sondern sie wurde felsig und es blühten keine Blumen mehr. Die Sonne brannte heiß auf die Erde. Dem Jungen wurde sehr heiß.

Sie gingen lange, und er wurde müde.

Da, sagte der Fuchs, wir sind bald angekommen.

Und wie er das sagte, standen sie vor einer großen Höhle.

Der Junge fürchtete sich, weil die Höhle so dunkel aussah.

Aber schon stand ein Bär neben ihm, der sagte, ich werde dich begleiten. Und sie gingen in die Höhle hinein.

Schon von weitem hörten sie, dass da Kinder weinten. Und wie sie weitergingen, kamen sie in einen Raum mit vielen kleinen Babys, die alle in ihren Betten lagen und weinten und wimmerten.

Dem Jungen wurde es ganz bang ums Herz.

Sein Bär brachte ihn zum Bettchen von einem ganz besonders zarten kleinen Baby und sagte, das ist dein Baby. Nimm es hoch, nimm es auf den Arm, streichle es, und sag ihm, dass jetzt alles vorbei ist.

Und es war für den Jungen eine große Freude, das Kindchen in seinen Armen zu halten und zu wiegen. Gleich summte er auch noch ein Lied für sein Baby. Und auf einmal begann es zu lächeln.

Nun kannst du es mitnehmen auf die Wiese von der du gekommen bist. Da wird es ihm gut gehen, sagte der Bär. Die alte Frau wird sich um es kümmern.

Und weil der Bär Zauberkräfte hatte, waren sie wieder auf der Wiese.

Da wartete auch schon die alte Frau und freute sich, dass das Baby nun endlich in Sicherheit war. Das hast du gut gemacht, sagte sie zu dem Jungen.

Der war stolz und freute sich, dass er sein Baby gerettet hatte und wollte sich gar nicht mehr von ihm trennen.

Was soll ich machen, damit ich oft bei ihm sein kann, fragte er .

Wenn du wach bist, kannst du es besuchen, wenn du dir vorstellst, dass du wieder ins Traumland kommst, und dann kannst du bei ihm sein. Ich werde mich dazwischen um es kümmern, sagte die Frau. Und in deinen Träumen wirst du es ohnehin besuchen.

 

Der Junge findet Trost

Und da erwachte der Junge. Er konnte sich an seinen Traum ganz genau erinnern und dachte, das probier ich gleich aus. Er stellte sich die Wiese mit den vielen Blumen vor und sieh da, er war schon da. Und sein Baby lächelte, als er kam.

Das ist wunderschön, dachte er und freute sich. Ich werde es oft besuchen. Es wurde ihm so richtig warm ums Herz.

Er ging dann jeden Tag auf seine schöne Wiese und besuchte sein Baby, die alte Frau und seine Tiere.

Und noch etwas entdeckte er, er konnte den Fuchs, der sehr weise war, um Rat fragen.

So fragte er den Fuchs, was soll ich machen, wenn ich so wütend auf meine Eltern werde?

Nichts leichter als das, sagte der Fuchs.

Hier hast du einen Zauberring. Den drehst du und denkst, alles ist gut. Dann wirst du merken, dass alles gut ist und deine Wut wird wie weggeblasen sein.

Toll, dachte der Junge.

Und weißt du was? Er konnte richtig spüren, dass er den Ring hatt, obwohl den sonst keiner sehen konnte.

Seine Seele war darüber sehr froh. Und das war für sie nun die schönste Erfahrung, dass kleine Menschen es fertig brachten, sich selbst gern zu haben und zu trösten.

Und im Seelenland freuten sich alle, dass die Seele zusammen mit dem Jungen, der zu ihr gehörte, so eine schöne Lösung gefunden hatte.

Ein anderes Mal fragte der Junge seinen Fuchs, ihr habt mir schon so viel von meiner Seele erzählt, kann ich auch mit ihr sprechen, kann ich sie sehen?

Nein, sagte der Fuchs, sehen kannst du sie niciht. Aber mit ihr sprechen kannst du und sie hören. Wenn du in dein Zimmer gehst und ganz still wirst, kannst du sie erreichen. Sprich dann laut mit ihr. Du kannst ihr jede Frage stellen, die du willst. Sie ist deine beste Freundin. Sie liebt dich.

Sie ist immer bei dir.

Der Junge wunderte sich ein bisschen, aber er dachte sich, probieren kann ich es ja.

Und stell dir vor, er begann mit seiner Seele zu reden und merkte, dass sie wirklich seine allerbeste Freundin war. Sie belog ihn nie und gab ihm die allerbesten Ratschläge.

Auch später, als der Junge ein Mann geworden war, verstand er viel von seiner Seele und sprach oft mit ihr. Und wie er ganz alt geworden war, da war er froh, als sie zusammen wieder ins Seelenland zurückgehen konnten. Aber das ist eine neue Geschichte.

(Quelle: Reddemann Luise, Dehner-Rau Cornelia, Trauma. Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen. Stuttgart 2004, Seite 148-154)