Brücke
Meine ungewisse Zukunft, die ich nur vom "Hörensagen" kannte....Ich habe mich darauf eingelassen.....aber es war ein jahrelanger, harter Kampf.....

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VORSICHT TRIGGER ______VORSICHT TRIGGER______VORSICHT TRIGGER_____VORSICHT TRGGER

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Täterabhängigkeit, oder Identifikation mit dem Aggressor

Dies wird wohl einer der schwersten Texte für mich werden - ich weiß, dass es wichtig ist sich da zu outen um anderen Betroffenen zu helfen, denn dieses Thema ist sehr mit Scham besetzt. Noch kann ich nicht zuviel dazu schreiben, weil es für mich auch sehr belastend ist und ich mich extrem schäme für diese Offenheit.

Ich bin ja schon lange, lange Jahre im Krankenhaus und viele haben sich sicherlich gefragt warum oder weshalb. Es gibt einen einfachen, logischen Grund, der heißt, dass ich sehr lange noch von Tätern abhängig war. Ich habe meine Therapeutin belogen und betrogen. Ich habe ihr vorgetäuscht auf der Station geblieben zu sein - ich war sehr geschickt, wenn es darum ging, heimlich die Station zu verlassen - und ich habe ihr auch immer erzählt, dass ich natürlich nicht Kontakt hatte. Dem war leider nicht so. Ich war abhängig.... ich wandelte zwischen zwei Welten - der "guten" Welt in der Klinik und der "schlechten" Welt der Täter. Aber ich wusste nicht, was die bessere Lösung war (vom Gefühl) und wollte es beiden Teilen auch noch recht machen - ein Widerspruch in sich. Denn die eine Welt wollte nicht, dass ich in der anderen Welt mich aufhalte und umgekehrt. Mein Verstand wusste schon, was richtig ist, aber leider kamen meine Gefühle da nicht mit. Vielleicht liegt es daran, dass es die Prägejahre waren, inden es mir schon "eingetrichtert" wurde. Und ich wuchs in einem Dorf auf, das das alles wusste und zusah. JA, man möchte nicht meinen, was es eigentlich alles gibt - so unglaublich das anhört. Ich wurde schon als Kind mit ekelhaften Wörtern beschimpft und der Einzige, der da war, war mein Vater. Meine Mutter war innerlich so abgestorben und hat einfach ihre Seele weiter tot gehalten indem sie getrunken hat. Sie war Spiegeltrinkerin, also nicht auffällig - nicht, wenn man eigentlich sowieso nicht hinsehen will. Auch meine Oma muss wohl traumatisiert gewesen sein, denn sie nahm mich immer mit in die Kirche um meine Sünden zu bereuen. Schlimm, aber ich glaube heute, dass sie es nicht anders konnte und anders wusste. In meiner ganzen Familiengeschichte kommt der Missbrauch vor, es zieht sich durch alle Generationen und ich bin die Erste, die aus diesem System aussteigt. Meine Angst ist immer, dass ich irgendwelche Gene davon abbekommen habe - auch wenn das natürlich Unsinn ist, denn DAS Gen gibt es so ja nicht. Mittlerweile habe ich es geschafft den Kontakt zu meiner kompletten Familie abzubrechen. Auch werde ich den Namen wechseln - leider muss ich da aus bürokratischen Gründen noch ein wenig Geduld haben.

Ich habe es geschafft, weil ich nach 10 Jahren mich getraut habe die Hand meiner Therapeutin zu ergreifen und ganz vorsichtig in das mir fremde Land einzumarschieren. Ziemlich wackelig, aber doch fest entschlossen. Und an diesem Entschluß hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe von dem Land nur durch ihren Erzählungen eine ungefähre Vorstellung gehabt, gesehen habe ich es nie. Ich musste vertrauen. Und vertrauen ist wohl die größte Herausfoderung überhaupt, wenn man schwer traumatisiert ist. Wie soll ich vertrauen, wenn ich Angst habe, dass sich eh' jeder von mir abwenden wird, so wie es mein Vater behauptete, sobald ich den Kontakt zu ihm abbreche? Wie soll ich vertrauen, wenn ich immer Angst hatte, dann komplett alleine zu sein? Es war ein langer, steiniger Weg bis hoch zum Gipfel wo dann der dünne Steg war, der von einem Gipfel zum anderem führte. Ich wußte, dass meine Therapeutin drüben wartete und mir ihre Hand entgegenstreckte - aber ich hatte Angst, Angst zu fallen und v.a. Angst vor einer ungewissen Zukunft. Diese Ängste sind auch heute noch nicht weg und ich werde weiter von Zukunfts- und Verlassenheitsängste geplagt. Auch weiß ich noch nicht wirklich wie es hier auf dieser "guten" Welt zugeht. Aber ich bekomme langsam eine Ahnung davon - und ich weiß immerhin ganz sicher, dass es besser ist als das was wir bisher hatten. Trotzdem fühlen wir uns noch nicht ganz angekommen. Das Vertrauen ist nicht vorhanden, letztlich doch verlassen zu werden - ich glaube die Verlustangst hat uns auch mit abhängig gemacht.

Unsere Therapeutin hat viel getan, um uns zu helfen vom Täterkreis weg zu kommen.

Sie hat immer betont, dass sie bei uns bleiben wird, egal für wen wir uns entscheiden - sie hat mich nie vor die Wahl gestellt oder mit Vorwürfen konfrontiert, wenn ich irgendwie auch aus einer unerklärlichen Not mich mit den Tätern getroffen habe. Sie hat je länger wir uns kannten und je vertrauter wir wurden, umso mehr hat ein Gespür dafür entwickelt, wann ich sie anlüge. Ich habe immer behauptet, das war das letzte Mal oder es war gar nichts - es gäbe keinen Täterkontakt. Irgendwann hat sie uns dann schon sehr hart mit den Lügen konfrontiert. Es war ein schmerzliches Gespräch, aber notwendig und leider mehrmals notwendig. Aber es hat gefruchtet - zu Weihnachten habe ich ihr "Ehrlichkeit" geschenkt. Und das war ein schweres, wertvolles Geschenk, denn die Lügen kamen automatisch über die Lippen. Je länger ich gebraucht habe zu antworten umso wahrscheinlicher war es sogar, dass ich die Wahrheit sagte. Denn das Lügen habe ich ja schon im Kindergarten üben müssen, es durfte nie jemand wissen, was daheim los ist. Sie war uns nie böse, wenn wir sie wiedermal belogen hatten, ich glaube sie war vielleicht ein wenig verletzt. Aber sie hat dann auch verstanden, dass das automatisiert kommt - ohne bösen Willen, einfach weil ich es gewohnt waren die beiden Welten zu trennen....und dann kommt sie daher und will eine Verbindung herstellen zwischen dem was wir ja selber nicht wahrnehmen wollten und konnten. Ich weiß bis heute nicht, woran sie meine Lügereien erkannt hat, wahrscheinlich einfach weil sie ein sehr empathischer Mensch ist und ein Gespür hatte. Und ich bekam mit der Zeit ein schlechtes Gewissen zu lügen, hab hinterher - oft 3 Monate später gesagt was eigentlich damals los war. Und so hat sie immer mehr gemerkt, wann akuter Täterkontakt ist und wann nicht. Und damit hat sie mich konfrontiert. Sie wollte wissen, was derjenige braucht, der immer den Kontakt sucht. Was sie als Ersatz geben könnte... was das Kind braucht, dass sich eigentlich nur einen Papa wünscht. Und so habe ich angefangen nachzuspüren, was ich für Bedürfnisse habe und ich für Aufgaben brauche - und wie man eine destruktive Aufgabe, die früher das Überleben sicherte in eine konstruktive, notwendige umwandelt. Ich habe langsam Abschied genommen vom Täterkreis, es war ein Prozess, der Monate dauerte - und irgendwann wurde ich zu etwas gezwungen, was gegen meine Überzeugung war (die ich mittlerweile dank Therapie bekommen hab). Das war dann der Punkt, wo sich im Hirn ein Schalter umlegte und ich entschieden habe, das reicht, es ist vorbei. Ich habe das Gespräch beendet, habe noch einmal heftig geschnitten und wußten, dass das das letzte Mal war und wir den Kontakt abbrechen können.

Trotzdem kommen die Verlassenheitsängste immer wieder hoch, neulich habe ich zufällig (es wir eigentlich immer abgefangen) Post von ihm bekommen.... jetzt ist er uns wieder viel näher. Leider.

Vertrauen zu geben ist wohl das größte Geschenk, das ich zu vergeben habe.

Aber wir sind froh aus dem "KZ-Land" - in ein Land "ohne Waffen" gekommen zu sein. Auch wenn ich hier immer wieder mal schmerzhafte Erfahrungen machen muss. Aber ich habe gelernt, dass der Artikel 1 im GG nicht nur für alle anderen gilt, sondern dass auch meine Würde unantastbar ist. Auch das musste ich lernen und begreifen und manchmal fällt es mir heute noch schwer zu glauben, dass dem wirklich so ist.

Windblume

Kerze

Danke für den warmen Empfang,

Frau R.