Vorkommen der Borderlinestörung

Nach verschiedenen Angaben sind 1 bis 2 % der Menschen betroffen. Es variieren dabei die Schweregrade respektive die Ausprägungsgrade der Störung deutlich, was die Häufigkeit unscharf macht.

 

1. Borderline = eine Frauenkrankheit?

Schätzungen deuten darauf hin, dass die Borderline-Patientinnen die Männer einer Borderlinestörung bei der ambulanten Behandlung im Verhältnis zwei zu eins zahlenmäßig übertreffen. Bei Patienten in stationärer Behandlung sogar im Verhältnis vier zu eins. Sind also Frauen viel leichter Opfer von Borderline-Persönlichkeitsstörungen oder hat das vielleicht damit zu tun, dass die Männer seltener eine Therapie machen und dadurch nicht in der Statistik auftauchen? Oder liegt es daran, dass Mädchen häufiger Opfer von Gewalttaten werden? Bekommen Männer vielleicht nicht so häufig diese Diagnose, weil "Identitätsprobleme" dort als "normaler" gelten?

Meine Therapeutin sagt, dass Frauen eher zu autoaggressiven Verhalten neigen und damit früher in die Therapie, oder Psychiatrie kommen als die Männer, die die Gewalt eher nach außen hin austragen und damit eventuell in der Forensik landen. Eine Theorie, die ich mit meiner laienhaften Erfahrung bestätigen kann. Auch ich habe im Krankenhaus erlebt, dass die Frauen viel eher selbstverletzend handeln als die Männer. Männer dagegen fangen vielleicht das Trinken schneller an und lassen ihre Wut nach außen raus - wodurch sie eben unter Umständen leichter als Soziopathen eingestuft werden und in die Mühlen der Justiz geraten (wo sie möglicherweise der richtigen Diagnose für immer entgehen).

 

2. Borderline - Persönlichkeitsstörung in verschiedenen Altersgruppen

Ich habe immer wieder gelesen, dass die Diagnose Borderline erst jungen Erwachsenen (so ab 18 ) gegeben wird und nicht Jugendlichen. Bei Jugendlichen heißt das wohl immer "Borderline-Verhalten" und nicht Borderline-Persönlichkeitsstörung. Das mag mit Sicherheit daran liegen, dass das pubertäre Verhalten und Empfinden von Jugendlichen oft den Hauptproblemen der Störung ähnelt. (Impulsivität, Stimmungsschwankungen, Identitätsprobleme...) Aber auch junge Erwachsene haben noch ähnliche Probleme und Verhaltensweisen, so dass das bestimmt der Grund ist, warum es in dieser Altersgruppe häufiger diagnostiziert wird. Oft habe ich auf Station gehört, ab 40 sei man als Borderliner stabilier, die "Strum- und Drangzeit" sein dann vorbei. Immer wieder habe ich mir das durch den Kopf gehen lassen und überlegt, ob es dann wirklich vorbei ist? Sicher, ich hoffe doch, dass die Therapie bis dahin auch irgendwie gegriffen hat. Aber komplett vorbei? Schaue ich mich unter den Psychiatriepatienten um, so stelle ich schon fest, dass die meisten mit dieser Diagnose unter 30 sind - Fallen da die Probleme mit dem "Erwachsenwerden" und der psychischen Störung zusammen? Trotzdem sind zum Beispiel die Mitglieder meiner Borderlinegruppe bis auf eine über 30. Das kann aber auch an der Tatsache liegen, dass wir Langzeitpatienten (dadurch zwangsläufig ja auch älter) sind und eine gewisse Stabiliät aufweisen, die das erfolgreiche Teilnehmen an solch einer Gruppe überhaupt erst möglich macht.

 

3. Sozio-ökonomische Faktoren

Die Borderline-Pathologie wurde zu etwa gleichen Anteilen in allen Kulturen und ökonomischen Klassen in den USA identifiziert. Allerdings könnte die Folgewirkung von Armut (=> höheres Stressniveau für Säuglinge/Kinder, keine Betreuung in guten Einrichtungen, keine psychiatrische Fürsorge) bei den Familien zu einem verstärkten Auftreten der Borderlinestörung führen. Da dem ja nicht so ist, stellt sich die Frage ob die Ursache darin liegt, dass die Armen in der Bevölkerung weniger Zugang zu medizinischer Versorgung haben und auch weniger daran interessiert sind, psychiatrische Hilfe zu erhalten.

 

4. Geographische Grenzen

Ich persönlich glaube, dass die Borderline-Störung in gewisser Weise eine "Wohlstandskrankheit" ist. Die These ist für mich auch sehr wackelig, da gerade die Armut (vgl. Sozio-ökonomische Fakoren) ja auch ursächlich für die Störung sein kann. Trotzdem bin ich mir sicher das man feststellt, wenn man sich zum Beispiel ein armes, im Krieg befindendes Land betrachtet, dass die Menschen dort erst einmal ums reine Überleben kämpfen müssen. Ich glaube nicht, dass eine junge Frau, die für sich und ihr kleines Kind um eine Mahlzeit kämpft sich am Abend den Arm aufschneiden wird. Diese junge Frau befindet sich ja in akuter Lebensgefahr - also mitten im Trauma - und in solch einer Situation denke ich nicht, dass man die Folgeerkrankung (die Borderlinestörung) entwickelt und diagnostiziert bekommt. Natürlich ist es auch so, dass die junge Frau im Krieg gar nicht die Möglichkeit hat zum Psychiater zu gehen und die Diagnose zu bekommen um dann in einer Statistik aufzutauchen. Ein Argument, welches meine These der "Wohlstandskrankheit" stützt ist, dass die Symptome der Borderlinestörung wie Suchterkrankungen und Essstörungen ja auch "Wohlstandskrankheiten" sind.

 

5. Borderline, eine Modediagnose?

Ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung wirklich eine Modediagnose, eine Seuche in der Modernen oder ist lediglich die Diagnose Borderline realtiv neu? Symptome der Störung wie Magersucht, Bulimie, Drogenabhängigkeit und Selbstmord bei jungen Menschen hat im letzten Jahrhundert bei uns drastisch zugenommen. Um was handelt es sich bei der Diagnose? Ist es ein moderner Begriff für ein altes Leiden mit offensichtlich schwierig einzustufender Zugehörigkeit? Ist es eine Verlegenheitsdiagnose? Ein Modebegriff? Ein neues Krankheitsbild? Ein neuer Fachausdruck im Rahmen neuer klassifikatorischer Einteilungen in der Psychiatrie? Sicher ist, dass es Borderline-Patienten schon früher gab, in den letzten Jahren werden es allerdings immer mehr. Liegt es daran, dass man sich inzwischen intensiver mit diesem Krankheitsbild befasst und dem endlich einen Namen gegeben hat?

Ist es vielleicht - um wieder das schwarzweißdenken aufzugeben - von allem etwas?

 

vgl. Kreisman Jerold, Straus Hal, Ich hasse dich - verlaß' mich nicht. Die schwarzweiße Welt der Boderlinepersönlichkeit, München 1992, Seite 32-37.

 

 

 

 

 

Quelle: vgl. www.psychosoziale-gesundheit.net